„Das Murgtal hat den Titel Flusslandschaft der Jahre 2026/27 mehr als verdient“

Ein Interview mit dem Rastatter NaturFreund Heinz Zoller über Renaturierung und Hochwasserschutz an der Murg

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Wie kann ein Fluss wieder natürlicher werden und zugleich Menschen besser vor Hochwasser schützen? Das Murgtal zeigt, wie beides zusammengehen kann. NaturFreunde und Angelfischer haben die Region deshalb als Flusslandschaft der Jahre 2026/27 ausgezeichnet.

In diesem Interview berichtet Heinz Zoller von den NaturFreunden Rastatt, welche Hindernisse für wandernde Fische beseitigt und wie Deiche zurückverlegt und neue Auen geschaffen wurden. Er erklärt zudem, warum Renaturierung im dicht besiedelten Raum oft schwierige Abwägungen verlangt – und weshalb das Murgtal nicht nur ökologisch, sondern auch für einen naturverträglichen Tourismus besonders wertvoll ist.

Heinz, als NaturFreund aus Rastatt setzt du dich schon lange für Renaturierungen ein. Welche Probleme waren an der Murg zu bewältigen?

Heinz Zoller: Im mittleren und unteren Murgtal waren und sind auch noch einige Hindernisse für wandernde Fische zu beseitigen und es war für ausreichend Wasser auch während trockener Perioden zu sorgen. Im mittleren Bereich hat sich die Murg ja durch den Schwarzwald-Granit gegraben und dort einen sehr engen Lauf. Das untere Murgtal ist breiter, aber dort war die Murg praktisch durchgängig kanalisiert. Die Kanalisierung geht bereits auf die Murgschiffer zurück, die seit dem Mittelalter Holz aus dem Schwarzwald zum Rhein flößten. Im unteren Murgtal gab es Möglichkeiten, dem Fluss wieder mehr Platz zu geben und eine Auenlandschaft zu renaturieren. Zugleich setzten dichte Besiedlung und Verkehrswege am Fluss dem Grenzen.

Welche Rolle spielte der Hochwasserschutz?

Heinz Zoller (76) gehörte 15 Jahre lang dem Vorstand der NaturFreunde Rastatt an und setzt sich seit Jahrzehnten für die Renaturierung von Flussauen an der Murg und am Oberrhein ein. Er hat die Bewerbung des Murgtals als Flusslandschaft der Jahre tatkräftig mitgestaltet.

Rastatt liegt am Rhein und an der Murg. Daher können hier Hochwässer von der Murg und vom Rhein zusammentreffen. Als 2007 die Europäische Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie in Kraft trat, wurde Rastatt als Pilotgebiet ausgewählt, und es wurden Hochwasserrisikokarten und Maßnahmenpläne erstellt. In den Jahren 2012 bis 2014 wurden dann zehn Millionen Euro in das Hochwasserschutz- und Ökologieprojekt Murg Rastatt investiert, das mit Baumaßnahmen Renaturierung und Hochwasserschutz kombinierte.

Welche Maßnahmen waren das?

Vor allem entstand mehr Platz für den Fluss und damit auch mehr Raum für die Natur. Wer den Flüssen mehr Raum lässt, tut auch viel für den Hochwasserschutz. Da wurden an drei Stellen Deiche von der Murg weg verlegt und so Platz für immerhin mehr als einen halben Quadratkilometer Flussaue geschaffen. Im Stadtgebiet wurde das Deichvorland so abgesenkt, dass es wieder vom Fluss überspült werden konnte. Steilufer wurden abgeflacht und alte Uferbefestigungen entfernt, sodass eine strukturierte Flusslandschaft mit Kies und Sandbänken entstand. Mittlerweile gibt es Inseln im Fluss und einige alte schlammige Nebenarme – die nur bei Hochwasser überfluteten Murgschluten – sind wieder mit dem Fluss verbunden.

Gibt es auch Konflikte zwischen Natur- und Hochwasserschutz?

Eine Stadt wie Rastatt soll ja vor einem Hochwasser geschützt sein, das statistisch nur einmal in hundert Jahren zu erwarten ist. Für diesen hundertjährigen Hochwasserschutz müssen im Stadtgebiet Deiche saniert und gar erhöht werden und die sind größtenteils bepflanzt. Für die Erhöhung müssen daher eventuell Bäume gefällt werden. Unter Beteiligung der Naturschutzverbände ist deshalb jeder kleine Deichabschnitt einzeln betrachtet worden.

Die verschiedenen Möglichkeiten, entweder Baumerhalt, Rückbau des Baumbestands oder Ersatzpflanzung, wurden differenziert geprüft. Aber das Fällen alter Bäume stößt natürlich nicht auf Gegenliebe. Die Planung für dieses Projekt Hochwasserschutz, Dammsanierung und Gewässerökologie Murg Rastatt soll spätestens nächstes Jahr stehen. Dann folgen Planfeststellungsverfahren und Baumaßnahmen. Es ist eine Aufgabe bis in die Dreißiger-Jahre hinein.

Weitere Renaturierungsmaßnahmen wurden im Zuge der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie geplant.

Die Murg gilt bis hinauf nach Gernsbach als Gewässer erster Ordnung und damit ist in diesem Bereich das Regierungspräsidium Karlsruhe für die Umsetzung der Richtlinie verantwortlich. Im Zuge der Landesstudie Gewässerökologie Baden-Württemberg wurden für die Murg von der Mündung in den Rhein bis hinauf nach Gernsbach in acht Abschnitten weitere Maßnahmen geplant. Allerdings geht es fast ausschließlich um Maßnahmen im Flussbett. Die Möglichkeiten über eine weitere Verbreiterung des Flusses Gewässerschutz zu betreiben, sind eben in einem städtischen Gebiet beschränkt.

Hat die Murg bereits im gegenwärtigen Zustand die Auszeichnung als Flusslandschaft der Jahre verdient?

Auf jeden Fall. Wir haben doch große Fortschritte gemacht. Der Fluss ist wieder weithin für Wanderfische wie den Lachs durchgängig und führt auch in trockenen Zeiten ausreichend Wasser. Und für uns NaturFreunde ist ja nicht nur der Zustand des Flusses selbst, sondern auch die umgebende Landschaft entscheidend. Wir hatten ja schon vor Jahren für das untere Murgtal drei Natura Trails erstellt.

Unser Bestreben als NaturFreunde ist es, zusätzlich zur ökologisch intakten Flusslandschaft auch Möglichkeiten für den sanften Tourismus zu schaffen. Das war im Murgtal sogar einfacher, als den Fluss selbst zu renaturieren. Denn bei uns an der Murg sind sehr viele sehenswerte Naturschönheiten erhalten geblieben.

Interview: Jürgen Voges

(Dieses Interview ist bereits erschienen in NATURFREUNDiN 2-26, dem Mitgliedermagazin der NaturFreunde Deutschlands.)